Irgendwas mit Medien

mixtapeMenschen um die 30, studiert und abgebrannt. So dümpelt eine ganze Generation dahin. Wir sitzen in Cafés in Neukölln herum und wohnen in einer WG mit Kohleofen. „Urbane Penner“ eben. Und mit Grapefruit-Becks in der Hand steht man dann auf dem Bürgersteig vor hippen Läden herum. In seiner Freizeit hangelt man sich von Projekt zu Projekt.

Ohne Krankenversicherung, Urlaub, Elterngeld, Rente, ohne Verträge und ohne festes Gehalt. Aber dafür mit Wegwerf-Profilen auf Facebook und im normalen Leben. Seriös bei XING, lustig bei MySpace, gähnend bei Twitter. Ein Profil für potenzielle Arbeitgeber, eins für die Familie, eins für die Freunde. Neue Medien eben. Netzwerke. Wobei ich hörte, dass Facebook jetzt wieder out ist, weil sich die eigenen Eltern da inzwischen auch anmelden. In jedem Netzwerk zu Hause und jeden Tag online

Irgendwas mit Medien. Vielseitigkeit ist unser Metier. Wir können alles, aber ohne Bezahlung. Die Fotos, auf denen wir nicht nur glücklich, sondern auch gut aussehen, finden wir bei flickr oder sonstwo. Ob nun arbeitslos oder unterbezahlt oder nicht, man ist immer erreichbar, in jedem Netzwerk zu Hause, jeden Tag online. Es geht um den coolsten Blog und die meisten Verfolger bei Twitter. Hauptsache überall dabei sein und nichts mehr verstehen und nichts mehr verdienen.

Generation Doof, Generation Praktikum, Generation Umhängetasche, Digitale Bohème… Namen gibt es viele. Aber hat sich seit 1991, seit Generation X, überhaupt irgendetwas wesentlich verändert? Bereits 1994 in „Reality Bites“ wird Winona Ryder (als Lelaina Pierce) unter anderem darüber depressiv, dass sie als Uniabsolventin nun als Freischaffende und Praktikantin umherkrebst und es weder schafft bei McDonalds zu arbeiten noch irgendwo in den Medien. Fahrstuhl-Pitch („Definieren Sie in 10 Sekunden Ironie“) inklusive.

Angeblich betraf das alles bisher speziell die Geisteswissenschaftler. „Krise“ wird es erst genannt, wenn auch andere Fachbereiche betroffen sind. Eine Krankheit, die besonders auffällig ist: Minderwertigkeitskomplex durch ein geisteswissenschaftliches Studium. Wenn einem jahrelang erzählt wird, dass so ein Studium nichts wert ist, außer wenn man Lehrer wird, glaubt man das irgendwann auch. Früher, so erzählte man mir, gab es da noch ein anderes Selbstverständnis. Da hatten die schönen Geisteswissenschaften noch eine Aura der Würde. Die Zeiten sind lange vorbei.

Statt um Bildung geht es jetzt eher um Jobchancen. Das lange, planlose Studieren der faulen Magisterstudenten wurde abgeschafft. Nur leider bringen schnelle, oberflächliche Studiengänge nichts, wenn es keinen Arbeitsmarkt dafür gibt. Jobchancen gab es damals wenige und jetzt gibt es noch weniger. Ein gutes Argument, um ganze Studiengänge dann komplett einzustampfen.

Viele Eltern der Kinder aus den 70ern und den frühen 80ern waren stolz, als ihre Kinder Abitur machten und ein Studium begannen. Worte wie Freiheit und Magister lagen in der Luft. Heute gehen wir kaputt an der vielen Freiheit und fragen uns, was wir anders hätten machen können. Doch darauf findet man keine Antwort. Schnelles Studium, unbezahlte Praktika und diverse Auslandsaufenthalte muss man sich erstmal leisten können und sind ohnehin kein Garant mehr für eine Arbeit. Erwachsenwerden? Können vor Lachen!

In den neuen Medien lesen wir, dass wir die neuen Medien sind. Wir twittern nicht nur, wir skypen und youtuben und ebayen und googeln und bloggen. Nebenher kochen wir was Ausgefallenes aus einem Jamie Oliver Buch. Man ist flexibel ohne Gleichen. Überall zu Hause. Alleskönner. Allesfresser. Während wir für zehn Praktika in zehn verschiedenen Städten sind, bekommen wir Kinder und machen uns selbständig oder arbeiten „frei“. Aber nicht jeder ist ein Künstler. Oder ein Lebenskünstler. Oder hat überhaupt ein Interesse daran mit 30 Jahren nach zehn Jahren Studium, langer Nebenjobtätigkeit und Millionen Praktika gerne den Zustand von Unsicherheit und Armut noch zu verlängern.

So mancher Magisterstudent ist jahrelang arbeiten gegangen und kam trotzdem noch nie in den Genuß von bezahltem Urlaub. Von so was wie Rente oder einer Absicherung im Krankheitsfall kann man nur träumen. Und dann bewirbt man sich nach abgeschlossenem Studium mit 3000 Mitbewerbern auf ein „Volontariat“ für ein halbes Jahr: „Berufseinsteiger mit viel Berufserfahrung gesucht!“ Der Trend geht zum „Alles können“. Wäre ja schön, wenn man es neben dem Studium und dem Arbeiten noch geschafft hätte, die ganze digitale Welt aufzusaugen.

Zeitgleich liest man die gute alte Zeitung, hat die „Neon“ unterm Arm geklemmt und ein Abo von der „Zeit“, das man sich schon längst nicht mehr leisten kann. Coole Musik auf dem Ipod, man trägt Umhängetasche aus Lkw-Plane und denkt manchmal zurück an die Zeit, als man noch Kassetten-Mix-Tapes machte und manche Leute sich sogar einen Golf leisten konnten. Arm is the new sexy. 140 Zeichen bestimmen die Welt.

Knall-enge Heroin-Hosen auf halb 8. Jeder will aussehen wie Heroinsüchtige aus London und wird Assistant Manager oder Second Level Support oder Trainee oder Community Manager oder Flasher oder Senior Associate Accounting oder SG-Operator oder Senior-Irgendwas oder Junior-Irgendwas oder Senior Executive Partner oder Contentmanager oder Irgendwas-Developer oder KeyAccount Manager oder Controller-Irgendwas oder Corporate Affaire Manager oder Consultant oder Chief Human Resource Officer oder Head of Content.

Zwischendurch lesen wir Wikipedia und essen Sushi und hangeln uns ohne Kündigungsschutz von Projekt zu Projekt. Ansonsten genießt man seine Freiheit und sitzt depressiv mit einer Bionade in der Hand in Neukölln im Straßencafe. Mfg von ihrem Bankberater. Und von ihrem Zahnarzt. Rechnung offen. Und ansonsten gönnt man sich den Luxus Praktikum. Acht Wochen in irgendwo, unbezahlt.

Und eine schöne Perspektive vor Augen: Junge aufstrebende Bachelorstudenten und Praktikanten, die alle relativ betuchte Eltern haben, da es anderen kaum noch möglich ist zu studieren, übernehmen die Arbeitswelt. Und stellen später mit Freude weiter und immer weiter Praktikanten ein. Burn out Deluxe. Hello Hartz4. Wie sagt man so schön: ‚Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel’. Und wenn sie nicht gestorben sind, strahlen sie freudig einer unbezahlten Zukunft entgegen. Ihr Zustand bei Facebook: Mir scheint die Sonne aus dem Arsch!

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