– Nachtzugfahrten –

nachtzugfahrtenEs ergab sich günstig, dass ich in Zürich Silvester feiern solle und so fuhr ich mit einem Nachtzug hin. Eine ‚Sitzmuschel-Fahrt’. Ich stieg um 21:30 in den Zug und fand alles total aufregend und den nachtblau gestalteten Zug ganz interessant.
Das legte sich schnell. Beim Blick auf die ‚Sitzmuscheln’ dachte ich nämlich:

Flugangst hin oder her. Ich hätte fliegen sollen!

Außerdem bestieg eine Familie, mit zwei minderjährigen Kindern laut diskutierend den Zug und setzte sich vor mich. Und: es gibt auch Zugangst. Bei Tempo 300 braucht man sich nur bildlich auszumalen was passiert wenn man mit einem anderem Zug oder einer Brücke kollidiert. Außerdem saßen Abiturienten im Großraumabteil die sich lauthals über ihre Leistungskurse unterhielten.

Dann stellen sich nach und nach alle Gründe ein warum man im Zug, in einer Sitzmuschel einfach nicht schlafen kann. Es ist aus rein logischen und menschlichen Gründen nicht möglich in einer halb sitzenden Position bei ruckelndem und dröhnendem Zug, Gemurmel der Mitreisenden sowie bollernder Heizung und nicht zu öffnenden Fenstern zu schlafen. Auch alkoholisiert unmöglich!!

Ich habe meinen Kopf schließlich zwischen Fenster und Sitz geklemmt, damit er nicht abknickt und den Rest der Nacht gegen die Scheibe schlagend, halb dämmernd lesend, schwitzend unter einem Schal als Decke und Sichtschutz, neidisch Leute beäugend die scheinbar schlafen oder es schafften sich schlafend zu stellen, verbracht.

Mitten in der Nacht in Offenburg angekommen sprang die hinter mir Sitzende auf, nachdem sie aus dem Schlaf hoch geschreckt war. Sie raunzte: „Nicht abfahren! Nicht abfahren!“ Ich betete mit. Sie vergaß eine Tasche, ich hechtete ihr hinterher, an Schlaf nicht mehr zu denken.

Und wie ich so bei den Schlafwagen im Gang an einem geöffnetem Fenster stehe um ein bisschen Luft zu kriegen, sehe ich auf dem Gang original ein Typ in Tshirt, Socken und so einer ekligen Männerunterhose. Der Typ gähnt und kratzt sich. Das ist zuviel. Das nächste mal fliege ich!

Die Rückfahrt im Liegewagen toppt es noch. Ich freue mich riesig, dass ich diesmal liegen kann und sehe mich im Geiste die Fahrt komplett durchschlafen. Der Zug fährt um 20 Uhr und ich teile mein Abteil mit einem älterem Ehepaar, welches sich Schlafwagen-erfahren gibt und sofort in den Betten liegt und einem jungen Paar mit Kind! Ein halbes Säugling, was erst mal noch gewickelt wird. Großartig. Ich beginne zu lesen.

Ich komme mir vor wie in einer dröhnenden Jugendherberge. Doppelstockbetten. Ich finde es amüsant. Dann wird das Licht gelöscht, alle schlafen. Ja aber…

Um 20 Uhr??????? Zugbettgehschlafenszeit lässt sich zwischen Rentnern und Jungfamilien und mir schwer auf einen Nenner bringen. Ich versuche mit der kleinen Leselampe zu lesen. Das Kind greint und zetert. Ein kurzer Blick des Vaters sagt mir: wenn das Licht an bleibt wird ein ganzes Abteil wegen mir nicht schlafen können.

Ich opfere mich der Gemeinschaft. Ich gehe an die Zugbar. Dort trinke ich sündhaft teures Warsteiner. Vorher muss ich allerdings feststellen, dass ich irgendwie im Dunkeln meine Schuhe falsch herum angezogen habe. Ach, nein: ich habe aus Versehen den Schuh einer Mitreisenden an. Auch ein Wanderschuh. Na egal, noch mal zurück und leise im Dunkeln nach meinem Schuh gewühlt. Zurück an die Zugbar.

Ich aber finde mich im Gespräch wieder mit einer Frau, die unechte Wimpern, unendlich viel Schmuck und ziemlich lange, unechte Nägel hat. Sie sieht aus wie ein Christbaum und bittet mich, ihr das Geld in die Hand zu geben, welches sie aufgrund der Länge ihrer Nägel nicht vom Tisch aufheben kann.

Ich leg mich daraufhin spontan schlafen und versuche das dann die nächsten Stunden erfolglos bis Berlin. Überlege trotzdem zu den ‚Sitzmuschel-Abteilen’ zu gehen und die Leute auszulachen, die versuchen im Halbsitzen zu schlafen.

Also die kommende Nacht in meinem eigenem Bett war ein Hochgenuss. Und ich hatte schöne Träume von Züricher Läden in denen ich an der Kasse gefragt werde ob ich ein ‚Säckli’ (Tüte) möchte..

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